Vita

Texte

Über das Werk

Den Dingen malerisch auf den Grund gehen

Zum künstlerischen Schaffen von Willi Müller

Invar-Torre Hollaus · aus «Bildersuche», 2016

Alltägliches, Beiläufiges, Übersehenes, Unorte, Anonymes, Unspektakuläres. Verschafft man sich einen Überblick über das künstlerische Schaffen von Willi Müller, tut sich eine vermeintlich kleine, überschaubare Welt auf. Es ist gewiss nicht die grosse Geste, mit der der 1951 im Kanton Aargau geborene Schweizer Künstler die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich zieht. Nach einer ausgiebigen Experimentierphase im Bereich multimedialer Techniken in jungen Jahren, wendet sich der Künstler schon bald zur Malerei hin, der er sich bis heute konsequent verschrieben hat.

Bereits im Frühwerk manifestiert sich hier ein ausgeprägtes Interesse an Situationen, Objekten und Orten, denen man im täglichen Leben oftmals nur wenig Beachtung schenkt. Mit Beharrlichkeit und konzentriertem Beobachten hält der Künstler bis heute an diesen banal und unbedeutend wirkenden Motiven fest, und unterdessen können wir mit Willi Müller auf eine rund vierzig Jahre dauernde künstlerische Tätigkeit zurückblicken. Dieses Schaffen ist bisher, von einer breiteren Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, ganz im Stillen entstanden, und es gilt, dieses in seinem vollen Umfang und in seiner Bedeutung erst noch zu entdecken und zu würdigen.

In beständiger Auseinandersetzung mit betont malerischen Positionen aus der Kunstgeschichte und im konsequenten kritischen Be- und Hinterfragen seines eigenen Tuns – aufschlussreich sind hierzu Äusserungen in Texten des Künstlers, die auf seiner Homepage eingesehen werden können – hat sich Willi Müller seinen ganz eigenen Kosmos erschaffen. Führt man sich die Werkentwicklung vor Augen, überraschen die Ausdauer und Zielstrebigkeit, mit der sich der Künstler seine visuellen wie technischen Fähigkeiten erarbeitet und angeeignet hat, und wie er das, was er wahrnimmt, in die Malerei überträgt und in jedem Bild aufs Neue hinterfragt. Man sieht sich mit einem in sich gewachsenen, kohärenten Schaffen konfrontiert, welches sich Zeitgeisttendenzen des Kunstbetriebs verweigert und in all den Jahren eine geradlinige Entwicklung durchlaufen hat, die wohl weniger als Stil als vielmehr als persönliche Haltung des Künstlers anzuerkennen ist.

Um dem charakteristischen Wesen dieser Bilder gerecht zu werden, soll im Folgenden der Fokus auf malerische Aspekte und den Einsatz der Farbe gerichtet werden, wie auch auf Konsequenzen und Möglichkeiten, die sich aus der spezifischen Wahrnehmung des Künstlers für das Dargestellte und letztlich für den Betrachter ergeben.

Vertraute Dinge

Motivisch zeigen sich in Willi Müllers Werk keine wirklich markanten Veränderungen. Ruhig und unaufgeregt reiht sich eine Arbeit an die andere. So entstehen lose Bilderreihen, Variationen derselben oder ähnlicher Motive, an denen sich der Künstler reibt, und die er in jedem Bild aufs Neue unentwegt kritisch abwägt, in Frage stellt, und die dem Betrachter ein stabiles und ruhiges (Seh-)Klima evozieren. Um geeignete Bildmotive zu finden, muss der Künstler denn auch weder räumlich noch imaginär in die Ferne schweifen. Lohnendes visuelles Rohmaterial findet er in nächster Nähe: in seinem Atelier oder beim Erleben seiner unmittelbaren und gewohnten Umgebung. Der Künstler gewährt dem Betrachter auf diese Weise einen sehr persönlichen Einblick in seine Welt, die er als stiller Beobachter durchstreift und an der er Anteil nimmt.

Auf diesen visuellen wie empathischen Streifzügen wird nichts Spektakuläres in den Bildern festgehalten, es wird auch nicht wirklich Neues geschaffen. Beim Dargestellten handelt es sich mehr oder weniger um klassische Bildtypen wie Stilleben, Interieurs, Genre- und Figurenszenen. Von Redundanzen kann dennoch keine Rede sein und es wäre vollkommen verfehlt, dieses Werk als trivial abzustempeln, nur weil sich motivisch auf den Bildern nichts Spektakuläres ereignet. Und es passiert wenig auf den Bildern, im Grunde gar nichts. Wirkliche Handlung ist nicht auszumachen, die Welt scheint still zu stehen, die Zeit suspendiert. Auch dies ist ein charakteristisches Merkmal von Willi Müller, dass er das im Bild Dargestellte beruhigt. Aktiviert wird dieses ganz über nuancenreiche Farbvalenzen, ein Effekt, auf den weiter unten noch eingegangen werden soll.

Was treibt den Künstler also an, worin besteht die Notwendigkeit, sich über Jahre an solchen Dingen nicht nur zu reiben, sondern diese auch noch für bildwürdig zu erachten und unablässig in Bildern festzuhalten? Motive, die wir im Grunde schlicht belanglos nennen würden, da man sie als bereits bekannt auffasst. Vermögen derartige Arbeiten den heutigen bildgesättigten und an viel aufregendere Bildsorten gewöhnten Betrachter visuell überhaupt noch zu reizen und sowohl zu einer sinnlichen als auch intellektuellen Auseinandersetzung zu animieren? Sie können! Den Bildern von Willi Müller wohnt eine subtile Kraft inne, die sich aus der spezifischen Umsetzung des Wahrgenommenen, dem Einsatz der Farben und dem individuellen Pinselstrich erschliesst, und die dem Betrachter die Bedeutung des Akts des Sehens sprichwörtlich vor Augen führt.

Beim Malen Sehen

Lässt man diese Werke auf sich wirken, offenbart sich das ganze Potential, welches einen rein ästhetischen Schaugenuss bei weitem übersteigt. Der Betrachter beginnt zu begreifen, dass sich aus der beständigen Konfrontation mit vermeintlich Bekanntem und täglich Erlebtem Neues gewinnen und einen die Welt, in der man lebt, neu und unvermittelt erleben lässt. Gerade die Kontinuität und Stabilität, welche in den Bildwelten von Willi Müller vorherrschen, sowie die wiederkehrenden Motive, die keine auffallenden Brüche verzeichnen, schaffen eine Vertrautheit, die dem Betrachter hilft, über die visuelle Gewöhnung rascher einen Einstieg in diesen Bilderkosmos zu erlangen.

Die Wiederkehr vertrauter Dinge und Begegnungen spiegelt sich auch in der nüchternen Sachlichkeit der Bildtitel wider. Diese bestehen zumeist aus einem einzigen Begriff, der sich in der Regel sehr direkt auf das Geschehen in den Bildern bezieht. Dabei geht es offensichtlich lediglich um das jeweilige Thema, welches sich mitunter leitmotivisch während Jahren durch Willi Müllers Malerei zieht. Genaueres erfährt man nicht durch Titel wie Quartier, Hotel, Apfelbild, Szene, Meitschi, Tisch oder Kleine Welt, sie geben wortwörtlich das zur Anschauung gebrachte wieder. Die Motive wirken dadurch austauschbar, geradezu nebensächlich. Stärker wird Anonymität in diesem Kontext vielleicht nur noch durch eine Bezeichnung wie «Ohne Titel» zum Ausdruck gebracht. Dem exakten Ort oder der Individualität der Person kommt in dieser Form der Auseinandersetzung nur noch eine untergeordnete Rolle zu. Das Wesentliche, das dem Akt der Wahrnehmung zugrunde liegt, wird dadurch nicht beeinflusst. Und es ist gerade dieser Aspekt, der auf diese Weise in den Fokus gerückt wird. Denn es wäre verfehlt, die Anonymität der Titel und die Variationen über die immer gleichen Themen mit einer Langeweile des Gehalts dieser Bildwelten zu verwechseln.

Nur gelegentlich trifft man auf Titel – wie beispielsweise Aufheitern oder Abseits – die den Betrachter auf etwas Bestimmtes hinzuweisen oder etwas Narratives anzudeuten scheinen. Und nur sehr selten drückt der Titel etwas Spezifisches aus wie beispielsweise in Maria, (2013), doch selbst hier bleibt im Unklaren – und es spielt für das weitere Bildverständnis schlicht keine massgebende Rolle – um welche Maria es sich dabei handelt. Aber auch hier stellt sich aufgrund des Titels keine besondere Aktivität ein. Der Betrachter wähnt sich zunächst ganz im Passiven. Bis er begreift, dass Sehen und Wahrnehmen einen anspruchsvollen und komplexen Vorgang darstellen.

Als programmatisch erweist sich in diesem Zusammenhang eine zweiteilige Arbeit aus dem Jahr 2000, die den Titel Wenn ich sehe trägt. Was tut sich hier vor unserem Blick auf? Was genau sehen wir? Zunächst wenig Konkretes und Zusammenhängendes. Die Komposition wirkt fragmentarisch, bei flüchtiger Betrachtung vielleicht geradezu unfertig. Verschiedene gebrochene Farbtöne sind in unregelmässiger Dichte aufgetragen und erzeugen eine eigenartige gestische Komponente. Man ist geneigt, die scheinbar lose und meist nur angedeuteten über die Bildfläche verteilten figürlichen Versatzstücke wie Auge, die beiden Hände, den Vogel, Vegetabiles in eine narrativ lesbare Struktur zu bringen. Farbauftrag wie figurative und organische Elemente verharren jedoch in einer seltsam körperlosen Dimension. Und man beginnt sich zu fragen, ob es beim Zusammenspiel von Auge und Händen nicht um ein grundsätzliches visuelles Begreifen geht, welches für Künstler wie Betrachter gleichermassen von Bedeutung ist, wenn auch aufgrund einer unterschiedlichen Ausgangslage.

Für den Künstler als Erschaffer des Bildes sind Auge und Hand die zentralen Werkzeuge seiner künstlerischen Umsetzung. Mit seinen Augen nimmt er die Aussenwelt wahr. Die Hände dienen ihm als ausführendes Organ, um das Wahrgenommene ins Bild zu übertragen, wo er das Entstehende wiederum beständig mit seinem Blick zu überprüfen hat. Der Betrachter versteht an einer Komposition wie dieser, wie sehr man sich beim analytisch-kritischen Sehen und kontemplativ-empathischen Schauen mit der Aussen- wie Innenwelt auseinandersetzt, und wie beides unserem Verständnis von Welt aktiv zuarbeitet.

Obschon die Übertragung des Wahrgenommenen in ein Bild eine durch und durch subjektive ist, nimmt ein Künstler wie Willi Müller in einem gewissen Sinne seine Befindlichkeit vollkommen aus den Werken heraus. Dieser Aspekt zeigt sich gerade auch in der Anonymität der Titelgebung. Willi Müller gibt zwar wieder, was und vor allem wie er die äussere Welt in sich aufnimmt. Er tut dies jedoch ohne zu werten, beziehungsweise ohne den Betrachter mit einer bereits vorgefertigten Anschauung in eine gewisse Betrachtungsweise seiner Bilder zu kanalisieren. Gerade durch das Vertraute der Motive kann der Betrachter an eine ihm bekannte Bildwelt andocken und sich so ohne ablenkendes Beiwerk mit dieser auseinandersetzen.

So können sich die Bilder vor dem Betrachter unvoreingenommen entfalten und bieten sich diesem in ihrer ganzen Vielfalt verschiedener Lesarten an. Der Künstler macht lediglich ein informelles Angebot, ohne dieses oder seine Sicht der Dinge aufzuzwingen. Der Betrachter ist sich selbst überlassen und kann frei entscheiden, wie er mit diesem Angebot umgeht. So ergeben sich bei der Betrachtung einer Arbeit und im gegenseitigen Vergleichen immer wieder aufs Neue überraschende und neue Sichtweisen, die die Auseinandersetzung mit diesem Schaffen denn auch reich- und nachhaltig gestalten.

Farbe versus Form

Es braucht lediglich einen flüchtigen Blick, um sich darüber klar zu werden, dass Willi Müller seit Beginn seines Schaffens ein chromatisches einem mimetischen Bildverständnis vorzieht. Eine illusionistisch-abbildende Wiedergabe der Motive ist für ihn nicht von Interesse. So taucht bei manchen Werken das Motiv mitunter erst nach und nach vibrierend und voller Energie aus dem gesättigten Grund der Farbtöne auf und konkretisiert sich vor den Augen des Betrachters. Von verfestigten oder präzisen Formen kann aber auch da keine Rede sein. Vielmehr überwiegt der Eindruck, dass sich das Motiv in einem kontinuierlichen Werden befindet, dass sich die Farbfelder und -valenzen beständig von neuem finden und arrangieren müssen. Es ist diese malerische Qualität im Werk des Künstlers, die spektakulär ist: Das Erleben einer Plötzlichkeit, eines unmittelbaren Augenblicks, wenn man glaubt, das Motiv greifen zu können, bevor es sich wieder entzieht. Auf den Sensationseffekt eines entsprechenden Motivs oder seiner narrativen Struktur kann bei einer solchen Umsetzung getrost verzichtet werden.

Gerade im Vergleich mit anderen Varianten derselben Bildmotive erschliesst sich dem Betrachter die farbliche Vielfalt dieser Bildwelten. Es finden sich verschiedenste Gegenüberstellungen von kräftigen Primär- und Komplementärfarben sowie teils ungewöhnlichen und unerwarteten, mitunter auch nur unscheinbaren Mischtönen, sodass sich jeder Farbwert an anderen reibt und in der Gesamtanlage des Bildes für sich bestehen muss. Auch feinste Nuancen tragen so entscheidend zum kohärenten Gesamteindruck bei, und arbeiten förmlich auf diesen hin.

Die Formen ergeben sich nicht aus einem beschreibenden, graphisch-linearen Konturverlauf, sondern entstehen vielmehr aus dem dialogischen Nebeneinander der Farbtöne. Ein Blick auf die parallel zu den Gemälden entstehenden Zeichnungen – ein Medium, in dem der Künstler ebenfalls regelmässig aktiv ist – zeigt, dass selbst hier der das Bild konstituierende Strich weich und fliessend geführt wird, teilweise regelrecht verrieben und verwischt wird. Dabei manifestiert sich vor allem in den Zeichnungen, da hier der Blick nicht durch die Farbigkeit abgelenkt wird, ein weiteres Charakteristikum von Willi Müllers Malerei sehr deutlich: Die präzise Abfolge des (herkömmlichen) Neben- und Hintereinander der Bildgründe – Vorder-, Mittel- und Hintergrund – löst sich auf. Was in der Malerei – so glaubt man zunächst – rein über ein Hin- und Herschwingen von sich ausdehnenden warmen und sich zusammenziehenden kalten Farbtönen geschieht, wird im Grunde durch ein Verschränken und Durchlässigwerden der Bildflächen sowie der Interaktion von flächigen und voluminösen kompositorischen Elementen ausgelöst.

So ergeben sich zusätzliche Ambivalenzen im Zusammenspiel von Farbe und Form, die das Abstraktionspotential dieser Werke steigern, mit denen sich der Betrachter zum Teil ganz unvermittelt konfrontiert sieht: So zum Beispiel die eigenartig anthropomorphen, gesichtshaften Züge, die man mit ein bisschen Phantasie wie auch im Vergleichen mit anderen Positionen aus der Kunstgeschichte – die abstrakten Gesichter und Köpfe von Alexej von Jawlensky (1864–1941) oder von Robert Zandvliet (geb. 1970) (um einen historischen sowie einen zeitgenössischen Künstler zu nennen) kommen einem da in den Sinn – in einzelnen Varianten der Sprützchanne erkennen kann. Die Varianten dieses Motivs eignen sich auch wunderbar dazu, zu zeigen, wie statische Objekte durch ein entsprechendes Arrangement und vor allem durch überlegte Farbabstufungen rhythmisiert werden können.

Eine Gegenüberstellung der Varianten von Motivserien wie Schreiber in der Nacht, Szene oder Quartier, in denen Figuratives und Gegenständliches häufig nur noch amorph aus dem Zusammenspiel der Farbtöne aufscheint, verdeutlichen, wie der Künstler Bild für Bild sowohl nach neuen Korrespondenzen als auch nach einer Stimmigkeit und Kohärenz der Formen strebt. Hier zeigt sich, dass die Auseinandersetzung mit ein und demselben Motiv, selbst über Jahre hinweg, keineswegs zu Redundanzen oder visueller Gewöhnung führen muss. Im beständigen kritischen wie kreativen Überprüfen der bildnerischen Formen der Objekte und von einmal getroffenen Entscheidungen, entstehen immerfort neue Varianten, die neue Rückbezüge und Erkenntnisse fördern. Das Sehen von Welt wird Bild für Bild erneut erlernt.

Schlussbetrachtung

Das Wahrnehmen und Verarbeiten der äusseren «realen» Welt und wie mit diesen Erfahrungen letztlich umzugehen ist, muss ein jedes Individuum selbst erlernen. Es mag die eine oder andere – kulturelle, soziale, ethische und dergleichen – Verbindlichkeit geben, einen allgemein gültigen Lösungsansatz gibt es nicht. Bilder – und in diesem Zusammenhang sind Kunstbilder in besonderem Masse zu nennen – bieten Lesarten an und entfalten einen alternativen Verständnis- und Möglichkeitsraum, wie «Realität» auch noch gesehen und erlebt werden kann. Damit reichert die Kunst unser Leben und kulturelles Erbe substantiell an.

Das Werk von Willi Müller liefert hierzu einen ebenso lohnenden wie stillen Beitrag. Dafür muss der Künstler gar nicht in einem Atemzug mit den allseits bekannten Namen der Kunstgeschichte oder des gegenwärtig schrillen Betriebes des Kunstmarkts genannt werden. Das Schöne und Bereichernde an der Auseinandersetzung mit Kunst sind solch überraschende Entdeckungen, die sich einem immer wieder von neuem bieten – Entdeckungen, wie eben die «kleine Welt» von Willi Müller, die die Sicht auf die Dinge in jedem Bild erneuert und damit den Erfahrungshorizont des Betrachters erweitert.

Die Authentizität und wohl auch gerade der Verzicht auf die grosse oder «laute» Geste, die sich durch das gesamte Werk ziehen, machen dieses glaubhaft und einer genaueren kritischen Analyse würdig. Dass von diesem Werk bisher kaum Notiz genommen worden ist, ist vor allem als Chance und gewiss nicht als Makel anzusehen. Zum einen bietet sich hier die Möglichkeit, ein noch unverbrauchtes künstlerisches Schaffen an anderen zeitgenössischen künstlerischen Positionen zu messen und zu überprüfen, und es bleibt zu hoffen, dass von dieser Möglichkeit in Bälde Gebrauch gemacht wird. Zum anderen kann der Betrachter im Dialog mit diesen Bildern für sich selbst nachvollziehen, wie gross die Vielfalt und der Erkenntnisgewinn im Rückbezug auf die Wahrnehmung von Welt auch in einem vermeintlich kleinen Kosmos sein können. Dann nämlich, wenn Sehen und Wahrnehmen als kritische Auseinandersetzung und nicht als passives Konsumieren begriffen werden.

Ich muss mich unendlich irren

Eine Annäherung an Willi Müller

Annelise Zwez · zuerst in «Seebutz 2003», überarbeitet Dezember 2013

Eigentlich ist es eine cézannesche Haltung, welche die Malerei von Willi Müller prägt. Was heisst das? Cézanne (1839–1906) versuchte in seinem Spätwerk, insbesondere der Reihe der «Badenden», die nur schemenhaft bekleideten Figuren mit der sie umgebenden Natur, den Bäumen, dem Schilf, den Pflanzen so zu verbinden, dass sie auf der Ebene des Bildes, in der Pinselhandschrift zu einer Einheit wurden. Auch in der Malerei von Willi Müller, insbesondere in den neueren «Gartenbildern», ist sicht- und spürbar, dass die oberste, die am gegenständlichsten sichtbare Bildebene eng verbunden ist mit vielfarbigen, hell übermalten Schichten darunter.

Und wie bei Cézanne geht es auch bei Willi Müller nicht nur um das Bild – nicht um die Badeszene respektive um die sich rankenden, gelb blühenden Gurken oder die kreuz und quer im Bild stehenden Malven. Sondern um den Ausdruck einer sehr persönlichen «Landschaft». Als Cézanne seine «Badenden» zu Beginn des letzten Jahrhunderts malte, stand das Einbringen des Individuellen in die Handschrift der Malerei noch ganz am Anfang. Darum ist Cézanne auch ein Pionier. Doch während er sich wohl noch kaum bewusst war, wie sehr seine malerische Entwicklung mit der Befriedung von inneren Konflikten einher ging, weiss ein Künstler heute – bald 100 Jahre nach Sigmund Freud und C. G. Jung – sehr viel mehr, wonach er sucht und was sich an stummen Dialogen zwischen ihm und dem Bild abspielt.

Es geht um den Vulkan

Willi Müller bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: «Es geht um den Vulkan». Wenn er in seinem Atelier am Egliweg in Nidau dieselben Leinwände immer wieder hervorholt, um weiter daran zu arbeiten, so heisst das ganz einfach, dass es immer noch brennt (im übertragenen Sinne des Wortes), dass ein Ungleichgewicht da ist, dass das Helle und das Dunkle, das Blühende und das Welkende, das Licht und das Wasser, das Freudige und das Traurige noch nicht zu jener Melodie gefunden haben, die er in sich hört und die er im Bild spielen will. Dieser Prozess ist nicht ein rationaler – oder nur insofern als der Maler um grundlegende Kriterien der Malerei weiss – sondern primär ein intuitiver. «Oft kann ich wirklich nicht sagen, warum ein Bild plötzlich fertig ist», sagt er und fügt gleich an, «manchmal merke ich es auch nicht und zerstöre den Moment wieder. Dann kann es lange gehen bis ich ihn wieder finde und es ist nicht mehr gleich.»

Willi Müllers Pinselhandschrift ist nicht diejenige Cézannes. Er darf 100 Jahre Malerei später viel mehr an persönlichem Gestus zeigen, viel mehr auf den Prozess des Schichtens von Bildebenen hinweisen, das Untere im Oberen zeigen, das Übermalte als «unterirdisch» Wirkendes stehen lassen. Doch im Kern geht es immer noch um dasselbe: Ein Bild zu finden, in dem sich gegenläufige Energien in einem fragilen Gleichgewicht halten und darin vibrieren. «Ich muss mich unendlich irren», sagt Willi Müller und weist damit auf den zugleich lust- wie schmerzvollen Prozess des Malens und die Schwierigkeit aus der Fülle der Bewegungen des Pinsels auf der Leinwand schliesslich einen verbindlichen Moment, eine «Haltestelle» zu finden, quasi im richtigen Moment auszusteigen.

Das Sichtbare umsetzen

Dass er Maler werden möchte, wusste der 1951 im aargauischen Wynental geborene schon als Kind, wenn auch noch sehr unbedarft. Einfach darin, dass Zeichnen für ihn eine Möglichkeit war, mit dem Leben zurecht zu kommen. «Er sei ein schwieriges Kind gewesen» sagt er. Zuweilen habe er seine Mutter um eine Schaufel gebeten, um damit ein Loch in die Erde zu graben, so tief und so gross, dass er darin Platz fände. Dann habe er es wieder zugeschaufelt. Man habe ihn gewähren lassen, sagt er sich erinnernd; dankbar. Um ans Lehrerseminar gehen zu dürfen, habe es hingegen die Überzeugungskraft der Lehrer gebraucht, fährt er fort. Aber selbst da habe er noch nicht eigentlich gewusst, was Kunst sei und darum auch, nach drei Jahren als Primarlehrer, die ersten beiden Prüfungen an die Kunstgewerbeschulen von Bern und Basel prompt «verschlafen». Erst beim quasi letzten Versuch in Zürich habe er langsam gemerkt, um was es gehe, nämlich darum, sich selbst einzubringen, das Sichtbare durch Veränderung umzusetzen.

1974 bis 1978 absolviert Willi Müller an der heutigen Hochschule für bildende Kunst in Zürich die Ausbildung zum Zeichenlehrer. Es prickelte damals an der Schule, der Zeit zwischen den Globus-Krawallen (1968) und der AJZ-Bewegung (1980). Lehrer zweier Generationen spannten das Feld zwischen Tradition in der Nachfolge der Gebrüder Gubler und Aufbruch zu einer gesellschaftsbezogenen, persönlich-kritischen Haltung im Sinne von Joseph Beuys. Willi Müller hat die Widersprüche durchlebt bis er schliesslich auf einer bewussten, individuellen Ebene an die (an seine) Tradition anknüpfen konnte. Während für manche Mitstudierende der Besuch der Dokumenta 1977 mit Beuys' «Freier Universität» zum Herzstück ihrer Ausbildungszeit wurde, war es für Willi Müller eine scheinbar kleine Begebenheit.

Viel entscheidender war etwas anderes: Aufgrund persönlicher Beziehungen zur Schule wurden einige Studenten abbeordert, dem Zürcher Bildhauer Hans Josephsohn (1920–2012) beim Umzug seines Ateliers zu helfen. Josephsohn, der Einzelgänger, dessen Werk eben jetzt international auf Beachtung stösst, hat zeitlebens an der Wechselwirkung zwischen modellierender Hand, zwischen Oberflächenbeschaffenheit und figürlicher Plastik gearbeitet. «Ein Bildhaueratelier zügeln ist etwas sehr Intimes» sagt Willi Müller, «als Student all die kleinen, wichtigen Dinge, Skizzen, Modelle eines bedeutenden Künstlers in die Hand nehmen zu dürfen, das prägt.» Umso mehr als Josephsohn Interesse für die junge Generation zeigte. Jahre später entstand so etwas wie Freundschaft zwischen Hans Josephsohn und Willi Müller und der Bildhauer besuchte bis ins hohe Alter die meisten Ausstellungen Müllers; im Jahr 2000 fand er sogar den Weg ins abgelegene Vinelz am oberen Ende des Bielersees. Es geht hier nicht um «fishing for compliments», nicht darum einen international weniger bekannten Künstler mit einem «Grossen» in Verbindung zu bringen, sondern darum aufzuzeigen, wie sich die reiche «Hautarbeit» Josephsohns, in seinen überlebensgrossen Torsi zum Beispiel, in den Bildern Willi Müllers in gewissem Sinn wiederfindet. Der Künstler spricht davon, dass sich seine Bilder im Malprozess zuweilen «verflüssigen», die Formen und Motive nicht mehr greifbar sind und dann in einem nächsten Arbeitsgang wieder soviel Gestalt annehmen müssen, dass Lebendigkeit entsteht.

Von Zürich ins Seeland

Nach «Umwegen» in den 1970er Jahren mit Malerei zum einen, installativen Materialarbeiten und Super 8-Filmen (u. a. «Ein Ort: Der Himmel») zum anderen, zieht Willi Müller 1981 aus dem anregenden, aber zuweilen auch «nervigen» Zürich in die Region Biel. Seine Frau, Dorette Liniger, ist Lehrerin hier und die beiden nehmen Wohnsitz über dem «Café Cyrano» in Evilard, «eine Wohnung mit traumhafter Aussicht». Seine Teilzeitstelle als Zeichenlehrer am Gymnasium Rämibühl behält er bei. Jahrzehnte reist er hierzu nach Zürich, führt quasi ein Leben als Unterrichtender an der Limmat und als Maler im Seeland. «Die Zugfahrten sind keine verlorene Zeit», sagt er. «Immer zwischen Solothurn und Aarau zeichne ich.» Dabei entstehen kleine figürliche, landschaftliche oder stillebenartige Skizzen, mal mit Kohle auf unbedrucktes Zeitungspapier oder mit einem weichen Bleistift in kleine Büchlein. Es sind Fingerübungen, in denen sich malerische Entwicklungen vorbereiten. Irgendwie scheint es nicht ganz zufällig, dass sie zwischen Solothurn und Aarau entstehen. Denn der Aargau respektive seine Kindheit sind ihm wichtig und es gibt sehr wohl Bezüge von seiner Malerei zu jener des Mittellandes von Eugen Maurer (1885–1961) bis zu Heiner Kielholz (geb. 1942) respektive seinem Malerfreund Peter Küng (geb. 1951).

Obwohl sich Willi Müller seit Anbeginn wohl fühlte in der Region Biel, hat er nie laut versucht sich in Szene zu setzen – seine Bilder sind ein Spiegel seines Charakters: Eher nach innen, denn nach aussen orientiert, lieber einem einzigen Gedanken nachhängend als einer grossen These. Lieber ein Buch lesen als grosse Diskussionen führen oder, wenn schon, im kleinen Kreis. So kommt es, dass in Evilard und später in Nidau ein namhaftes, malerisches Werk entstanden ist, von dem die Künstlerschaft der Region und ihr Zugewandte zwar Kenntnis haben, aber ohne dass ein grosser Kreis davon weiss. Seine Ausstellungsliste ist eine stetige, aber keine karriereorientierte, seine Malerei eher ein Geheimtipp, auch wenn sich seit einigen Jahren Veränderung, Öffnung, mehr Leichtigkeit ansagt.

Mit dem Umzug ins Seeland veränderte sich der künstlerische Ausdruck Willi Müllers. Weg von Zürich trat die Malerei wieder ganz ins Zentrum. Dabei widmete sich der Künstler längere Zeit primär der Figur respektive der Figurengruppe, den Beziehungen zwischen Körpern, Formen und Farben. Mal war es eher die Form, welche die Rhythmen bestimmte, mal eher der Pinselgestus; in Richtungs- und Farbwechsel stehende Schraffuren zum Beispiel. Dabei gab es aber auch stets Landschafts- respektive Naturbezüge und in allem die eigene innere Handschrift.

Neue Motive

In den 1990er Jahren dehnten sich die Pinselzüge, wurden breiter, farbbetonter und drängten das Gegenständliche an den Rand: Horizontale und Vertikale bildeten – ohne geometrisch zu werden – die Leitplanken zahlreicher Bildkompositionen. Diese «Befreiung» gab dem Künstler die Möglichkeit, neue Motive anzugehen und dabei das Offene und das Bestimmte, das Gestische und das Subtile miteinander zu verbinden. Es entstanden (und entstehen) Reihen mit «Einfachen Dingen» – Tellern, Tischen, Stühlen, Dosen, kleinen Brettchen, Giesskannen, die indes mehr Form als Motiv sind, nämlich rund, eckig, raumfüllend oder raumteilend. Den Part spielen nicht die Dinge, sondern die Malerei; das Licht, das einfällt, die Bewegungen der pinselführenden Hand, die Verbindungen von Raum und Materie. Der Ort ist dabei stets näher beim Klang als beim Griff, näher beim Fühl- denn beim Realkörper.

Parallel dazu malte (und malt) Willi Müller Bilder, die den Titel «Quartiere» tragen. Architektonische Szenerien, die Raum und Volumen thematisieren, ohne indes urbanistische Tendenzen zu meinen. Seine Bilder entführen auch hier eher in Zonen der Vorstellung, formen sich eher mit emotionalen denn mit greifbaren Materialien.

Die Liebe zum Garten

Willi Müller liebt den Garten des Hauses in Nidau, das er mit seiner Frau und lange Zeit auch mit seinen drei Kindern bewohnt; das Wachsen und Blühen der Pflanzen im Verlauf der Jahreszeiten ist ihm nahe. In seine Bilder drang diese Welt aber lange Zeit kaum ein. «Sie war mir zu nahe, ich konnte sie nicht denken, sie war ja da», sagt er. Doch mit dem Umzug ins Atelier am Egliweg in Nidau (1999), das hell und geräumig ist, jedoch kaum Blicke in die Natur gewährt, wird das anders. Nun kann er den Garten, respektive seine Beziehung dazu in Bilder umsetzen. Die Blüten vereinzeln und in den Bildraum stellen, ohne dass sie ihren «Duft» verlieren. Sie durchs Bild ranken, sie aufblühen, verwelken lassen und dann wieder neu schöpfen. «Es ist etwas ungemein Schönes, etwas im Bild entstehen zu lassen», sagt der Künstler und man spürt im Klang seiner Stimme, dass es aus dem Innersten kommt. Gerade mit dieser Bildreihe hat Willi Müller eine Öffnung bewirkt, auch zum Publikum hin, das sich im Bereich der Natur gut einbringen und auch die Fragilität als Qualität erspüren kann. Willi Müller weiss um die Gefahr des «Schönen» und darum entstehen wohl plötzlich auch Bilder, die «Abseits» heissen. Auch sie sind «Gartenbilder», doch offensichtlich randständige. Wollen sie in Erinnerung rufen, dass nicht alles wächst, was gesät oder gepflanzt wird, dass es in Gärten auch wuchert, die eine Pflanze die andere rücksichtslos aus dem Wege schafft? Weder die Natur noch der Mensch ist Idylle. Und gerade diese Spannung ist Müller Motivation für jedes neue Bild.

Eigene Texte

Verlassenes Terrain

22. Januar 2014

Mich interessieren die pragmatischen Positionen in der Kunstgeschichte heute mehr als früher. Diejenigen, die sich eine gewisse Breite vorbehalten, das heisst, sich nur bedingt einfügen in den Zeitstrom und sich getrauen, hie und da vor- oder rückwärts zu springen.

Es gibt ziemlich viel verlassenes Terrain in der Malerei. Ich muss überall vorne anfangen. Ich brauche in der Stoffsuche den Bezug zur heutigen Zeit bis hin zu allen gesellschaftlichen Fragen. Aber ich kann nicht so leicht bildmässig auf Internet oder andere neue Medien greifen, obwohl ich sie benutze. Ich bin eher im direkten Sehen verhaftet, der Strasse, der Stadt, dem Zimmer, den Menschen, denen ich begegne, den einfachen Dingen dieser Welt.

Die Verteidigung des Ganzen

August 2012

Früher haben mich Maler wie Derain oder Amiet aufgeregt. Dieses Lavieren zwischen entschiedenen Positionen sah ich als Schwäche. Im Bild waren sie Impressionist, Expressionist oder schwankten gar auf noch ältere Positionen zurück, aber sie waren keines ganz.

Heute sehe ich das anders. Das Halten einer Mitte, im Notfall schwankend, unentschieden wirkend, sehe ich als eigene Qualität. Sich nicht vereinnahmen lassen von einer bestimmten Haltung. Das Uralte in der Malerei nicht aufgeben wollend und doch sich ausstrecken nach Neuem, nach Anderem, zögerlich, langsam, Schritte vorwärts machend aber notfalls zurückweichend: Ein ängstlicher Übermut im Setzen der Farbe, im Festhalten an Form und sogar Gegenstand und doch wieder alles verlierend.

So bleibt die Malerei armselig, in einer Art Rohzustand, fragmentarisch, aufscheinend, mehr Fragen als Antworten aufweisend. Sie soll aber den Diskurs der Zeit halten und die alten grossen Fragen der Menschheit bedenken. In der Gefahr der Schwere soll sie das Leichte anstreben. Ohnehin halte ich es mit Manet, der sich auch im Alter die Option offenhielt, gelegentlich «nur» einen Blumenstrauss oder ein paar Fische zu malen.

Über Malerei

28. Februar 2007

Ich vergleiche mein Handwerk gerne mit dem des Bäckers. Ein Brot und ein Bild. Der Teig des Bildes entsteht im Auftrag der Farbe, dem Teilen der Fläche, der Wahl des Materials. Irgendwie muss es durch die Arbeit gelingen, etwas Kostbares herzustellen, sonst ist das Ganze vergebliche Mühe. Die Verwandlung von der Beliebigkeit in das Wertvolle ist notwendig.

Oft ist schwer zu unterscheiden, ob diese Verwandlung nur im Kopf stattfindet, begründet in einer euphorischen Stimmung, oder ob sie materiell mit dem Bild geschehen und wirklich ist. Das Aufscheinen von Kostbarkeit kann aber auch von mir in einer Phase der Verzweiflung während der Arbeit übersehen, wieder zerstört werden in der Unruhe der Umformung. Was hält sich und was hält sich nicht.

Die Malerei ist ein schmutziges Handwerk. Es fällt Erde an, und es sollte auch ein Hauch davon bleiben beim fertigen Bild. Nicht zu sauber werden, nicht alle Erde abwaschen.

Manchmal denke ich auch, dass die Malerei verbraucht und erschöpft sei heute; und verfolgt durch Vorwürfe und Kritik: Alles schon gesagt, alles getan, das Beste vorbei. Die Versuchung liegt nahe, zu glauben, dass heute andere Bildmedien besser geeignet sind, um die Existenz zu überdenken. Vielleicht sind sie unverbrauchter und unbelasteter durch lange Traditionen.

Aber es gibt auch Zeiten, in denen ich arbeite und überzeugt bin, dass auch noch in der Malerei unverbrauchte Bilder zu finden sind, die glaubwürdig Zeugnis ablegen über unser Leben, einfache Aussagen ohne den Scheingeist des Zynismus. Dokumentarische Kommentare, Einmischungen, Überlegungen, die Materie geworden sind durch Papier oder Stoff und etwas Farbe, die in einer gewissen Ordnung über eine Fläche verteilt sind. Diese Fläche kann gross sein oder auch nur Taschenformat haben.

Aber die Malerei ist immer noch. Brot gibt es auch immer noch. Aber «der Mensch lebt nicht vom Brot allein...»

Bilderwand und Bildersturm

Ikonostase und Ikonoklasmus

6. September 2004

Warum habe ich auch nach dreissig Jahren immer noch so grosse Freude an der Arbeit mit Bildern? Dabei ist dieser Beruf so unberechenbar.

Man kann an keinem Morgen den Weg des Tages genau abstecken, den Arbeitsplan ausführen. Es kommt immer anders. Manchmal kann man zügig aufbauen, die Bildergebäude wachsen, und dann ertappt man sich dabei, dass man die Mauern wieder einreisst. Sie stehen am falschen Ort. Es kann alles schief sein, und es stimmt doch alles. Dann wieder ist alles gerade, aber nichts stimmt.

Die Bilderwand ist eine Ausstellungsform des Mittelalters, auch der Armut. Kleine Bilder (Opfergaben) werden in der Kirche mehr oder weniger willkürlich neben und übereinander platziert. Kostbarkeiten neben Kitsch.

Die Bilderwand ist in Bewegung, die Zeit verändert sie. Bilder kommen dazu, andere werden abgehängt. Und hie und da kommt ein Bildersturm. Alles oder fast alles wird weggeworfen, zerstört. Die Wand wird leer. Sie wird reformiert. Bis es wieder zu wachsen beginnt, wie im Wald nach dem Sturm.

Die Menschen fangen wieder an, Bilder zu installieren, oder Dinge. Sie werden mit Absicht in Beziehung zueinander gesetzt oder absichtlich nicht. Und immer fängt es von vorne an, wie in meiner Arbeit mit den Farben. Es wird voll, und alles leert wieder aus. Es gibt nur kleine Momente wo das Ganze innehält. Da stehe ich mit meiner kleinen Ausstellung: Zwischen Bilderwand und Bildersturm.

Weitere Besprechungen

Helen Lagger, Bieler Tagblatt, 12. Oktober 2020

Lula Pergoletti, Berner Kulturagenda, 7. Oktober 2020

Alice Henkes, «Farbe in Bewegung», Bieler Tagblatt, 18. Januar 2018

Annelise Zwez, Bieler Tagblatt, 23. April 2009 – zum Text

Gespräch

Podiumsgespräch zur Ausstellung «Willi Müller – Hans Josephsohn» mit Gerhard Mack (Kulturredaktor NZZ), Ulrich Meinherz (Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen) und Willi Müller, moderiert von Barbara Marbot.
25. Oktober 2020, Galerie da Mihi, Bern – zur Aufzeichnung