Gedanken zur Arbeit

Man muss immer die Bedingungen der Malerei überprüfen und in Frage stellen. Man kann dies sowohl mit guter wie auch mit schlechter Malerei machen. Ich möchte das erste tun. Aber dieses Rütteln und Fassen an den Grenzen ist meines Erachtens wichtig. Es hält auch lebendig. Das Rad der Zeit dreht sich unmerklich. Aber jede Zeit wird Vergangenheit sein. Wenn es gelingt, in der Arbeit, durch Versuch und Irrtum die Zeit eine Sekunde ausser Kraft zu setzen, ist dies viel. Wenn ich aus der Kunstgeschichte Zeichnungen grosser Meister betrachte, fällt mir auf, wie nah sie sich untereinander sind. Blätter, die hunderte von Jahren auseinanderliegen in ihrer Entstehung. An ihnen scheint der Hauch des Zeitgeistes vorübergegangen zu sein. Da wurde gesammelt, wie man eben sammelt: Mit einfachen Handbewegungen. So habe ich letzthin in einer kleinen Ausstellung einige Bilder französischer Maler aus dem 19. Jahrhundert gesehen. Sie sind totale Gegenwart, zwischen fast nichts und nichts, ein Hauch. Aber man ist davon ermutigt, und geht auch seinen eigenen Weg weiter mit Zuversicht.

 

Willi Müller, 1. Mai 2004