Bilderwand

Bilderwand und Bildersturm (Ikonostase und Ikonoklasmus)

Warum habe ich auch nach dreissig Jahren immer noch so grossen Spass an der Arbeit mit Bildern? Dabei ist dieser Beruf so unberechenbar. Man kann an keinem Morgen den Weg des Tages genau abstecken, den Arbeitsplan ausführen. Es kommt immer anders. Manchmal kann man zügig aufbauen, die Bildergebäude wachsen, und dann ertappt man sich dabei, dass man die Mauern wieder einreisst. Sie stehen am falschen Ort. Es kann alles schief sein, und es stimmt doch alles. Dann wieder ist alles gerade, aber nichts stimmt. Die Bilderwand ist eine Ausstellungsform des Mittelalters, auch der Armut. Kleine Bilder (Opfergaben) werden in der Kirche mehr oder weniger willkürlich neben und übereinander plaziert. Kostbarkeiten neben Kitsch. Die Bilderwand ist in Bewegung, die Zeit verändert sie. Bilder kommen dazu, andere werden abgehängt. Und hie und da kommt ein Bildersturm. Alles oder fast alles wird weggeworfen, zerstört. Die Wand wird leer. Sie wird reformiert. Bis es wieder zu wachsen beginnt, wie im Wald nach dem Sturm. Die Menschen fangen wieder an, Bilder zu installieren, oder Dinge. Sie werden mit Absicht in Beziehung zueinander gesetzt oder absichtlich nicht. Und immer fängt es von vorne an, wie in meiner Arbeit mit den Farben. Es wird voll, und alles leert wieder aus. Es gibt nur kleine Momente wo das Ganze innehält. Da stehe ich mit meiner kleinen Ausstellung: Zwischen Bilderwand und Bildersturm.

 

Willi Müller, 6. September 2004